Bahnt sich zwischen Japan und Deutschland eine neue Militärallianz an?

Analyse
Rüstungskooperation

Aktualisiert am 30.06.2026, 22:05 Uhr

Seit Monaten wird darüber berichtet, dass der japanische Schwerindustrie- und Rüstungskonzern Kawasaki Heavy Industries bald mit Lizenz den deutschen Marschflugkörper Taurus fertigen könnte. (Archivbild)
© IMAGO/Kyodo News

Während in Europa massiv aufgerüstet wird, bahnt sich zwischen Deutschland und Japan eine engere militärische Kooperation an. Auch gemeinsame Rüstungsprojekte stehen bevor.

Dieser Text enthält eine Einordnung aktueller Ereignisse, in die neben Daten und Fakten auch die Einschätzungen von Felix Lill sowie ggf. von Expertinnen oder Experten einfließen. Informiere dich über die verschiedenen journalistischen Textarten.

Boris Pistorius grinste, als ihm im März eine Frage gestellt wurde, die in anderen Zeiten noch verklausulierte Formulierungen hervorgebracht hatte.

Der Verteidigungsminister Deutschland befand sich in Japan, zu Besuch bei seinem Amtskollegen Shinjiro Koizumi. Angesprochen darauf, ob es denn nun, wie schon länger indirekt angekündigt, zu Kooperationen zwischen Japan und Deutschland im Rüstungsgeschäft komme, reagierte Pistorius auf kokette Art: „Ich freue mich über Ihre Ungeduld!“ Es gehe voran.

Über Monate ist in den Medien beider Länder darüber spekuliert worden, auf welche Weise Deutschland und Japan nun zusammenrücken würden. Schon lange bezeichnen sich hohe Staatsvertreter als „Wertepartner“ – weil beide Länder liberale Demokratien sind, stark vom internationalen Handel profitieren, die Gewaltenteilung gutheißen sowie eine regelbasierte globale Ordnung befürworten.

Deutschland und Japan orientieren sich neu

Seit auch die USA – der wichtigste Partner für beide Staaten – all dies offen angreifen, rücken Tokio und Berlin enger zusammen. Zuletzt wurden gemeinsame Militärübungen beschlossen, der Austausch auf diversen Ebenen – von Infrastruktur bis Landwirtschaft – hat sich intensiviert. In Sachen rüstungspolitischem Austausch ist die Sache aber besonders heikel: Denn nicht nur kämpften Nazi-Deutschland und das Japanische Kolonialreich im Zweiten Weltkrieg Seite an Seite.

In beiden Ländern hat sich über die Nachkriegsjahrzehnte vor dem Hintergrund dieser Erfahrungen ein starker Pazifismus etabliert. Aber die weltpolitische Lage hat dazu geführt, dass sich diverse Koordinaten verschoben haben. Sowohl Deutschland als auch Japan – deren Regierungen sich in ihrer regionalen Nachbarschaft je große Rivalen wie Russland und China wähnen – rüsten in hohem Tempo auf. Und es bahnen sich nun große Rüstungskooperationen an.

Taurus mit Lizenz durch japanisches Unternehmen gefertigt?

Seit Monaten wird darüber berichtet, dass der japanische Schwerindustrie- und Rüstungskonzern Kawasaki Heavy Industries (KHI) bald mit Lizenz den deutschen Marschflugkörper Taurus fertigen könnte. In Deutschland würde man sich darüber auch deshalb freuen, weil das System, das mittlerweile in die Jahre gekommen ist, dadurch ein technologisches Update erhalten würde. Absichtsverträge sollen schon unterzeichnet sein.

Mitte Juni kam ein zweites Projekt ans Licht. Im Interview mit der japanischen Presseagentur Jiji deutete Deutschlands Botschafterin in Tokio, Petra Sigmund, an, dass Japan und Deutschland bald ein gemeinsames Drohnenprojekt angehen könnten. Sinngemäß ins Deutsche übersetzt sagte Sigmund zum Vorhaben Eurodrone: Wir haben Kontakt mit unseren japanischen Partnern aufgenommen, um zu sehen, ob Japan bereit wäre, bei diesem wichtigen Projekt mitzumachen, und wir sehen großes Interesse.“

Hoffnung auf Drohnenkooperation

Weiter sagte Deutschlands höchste Diplomatin in Japan laut Jiji: „Wir begrüßen Japans verstärktes Interesse an einer weiteren Vertiefung des Engagements.“ Das Vertrauen zwischen den beiden Staaten sei schließlich sehr groß, weshalb man gemeinsam auch daran arbeiten wolle, Kapazitäten zu bündeln und insofern auch eine stärkere Verzahnung zu erreichen.

Japans Botschafterin in Berlin, Mitsuko Shino, – praktisch das Äquivalent zu Petra Sigmund – sagt etwas sehr Ähnliches. Im Gespräch mit unserer Redaktion erklärte Shino: „Wir müssen eine Interoperativität und Interkonnektivität herstellen. Wenn Deutschland irgendetwas braucht, wäre es besser, wenn Japan bereit wäre, diese Güter schnell liefern zu können und umgekehrt. Und da ergibt es auch Sinn, neue Rüstungsgüter gemeinsam zu entwickeln.“

Shino wollte sich nicht zu konkreten Vereinbarungen äußern, sagte aber: „In Japan ist man sehr vorsichtig, sodass man, bis etwas wirklich konkret ist, nichts sagt. Ich kenne aber schon einige japanische Privatunternehmer, die einige konkrete Projekte haben.“ Bis es offizielle Erklärungen gebe, dürfte es nicht mehr lange dauern: „Warten Sie mal ein paar Monate.“

Großes Interesse auf Rüstungsmesse in Berlin

Dass sich auf Ebene der Rüstungszusammenarbeit Einiges tut, zeigte sich zuletzt auch auf der Internationalen Luft- und Raumfahrtausstellung Berlin (ILA, 10.–14.6.), bei der es nicht zuletzt um Verteidigung ging. Unter einer guten Handvoll Unternehmen aus Japan befand sich etwa Kawasaki Heavy Industries (KHI), das im „Defence“-Pavillon Motoren ausstellte, die sich laut Sprechern am Stand in Turbojets und Drohnen einbauen ließen.

Auch andere Unternehmen haben auf der Messe bestätigt, dass sie sich Hoffnungen machen, an der aktuellen Aufrüstung in Deutschland und Europa mitzuverdienen – und dies auf vielfältige Weise. Da wären Betriebe, die per 3D-Druck Stahlkomponenten für Militärgüter herstellen, oder solche, die an einem kostengünstigen Wiedereintritt in die Atmosphäre arbeiten – was für die militärische Nutzung von Satelliten hilfreich wäre.

Aber auch wenn dies für Japans Volkswirtschaft eine glückliche Entwicklung sein mag: Nicht alle freuen sich über solche Entwicklungen. Die Skepsis vor Aufrüstung bleibt im ostasiatischen Land groß. Sven Saaler, Leiter des Tokio-Büros der Friedrich-Ebert-Stiftung, kann das verstehen: „Wenn Tokio und Berlin von ihrer ‚Wertepartnerschaft‘ sprechen, wäre es schön, wenn es nicht nur um Kooperation bei Rüstung ginge, sondern auch um andere Themen.“

„Wertepartnerschaft“ auch in Kritik

Unklar sei, inwieweit die Regierungschefs Japans und Deutschlands wirklich bereit seien, die Werte, für die sie stehen wollen, auch zu verteidigen. Sowohl Friedrich Merz als auch Sanae Takaichi können sich kaum dazu durchringen, US-Präsident Donald Trump offen zu kritisieren, wenn der anderen Staaten Erpressungszölle aufdrückt, aus Venezuela den Präsidenten entführen lässt oder kurzerhand Iran angreift.

In japanischen Regierungskreisen heißt es, man könne seine Partner eben nicht ändern, sich selbst aber schon. So sieht man sich auch jenseits der USA nach Verbündeten um. Eine Abkehr von Washington sei nicht geplant, so Botschafterin Shino: „Japan kann viele Herausforderungen nicht allein bewältigen und muss gemeinsam mit den USA stehen. Daher suchen wir keinen Plan B. Wir versuchen, Plan A zu adaptieren.“

Empfehlungen der Redaktion

Hierin spielt Deutschland eine große Rolle, eben auch in Sachen Rüstung: „Ziel Japans ist, sich vorzubereiten, um nicht angegriffen zu werden“, so Shino. „Wir bleiben pazifistisch. Unsere Verfassung ändert sich nicht in kurzer Zeit, aber die Situation in der Welt hat sich verändert. Deswegen müssen wir zeitgemäß reagieren.“ Das heißt demnach: eine Kooperation unter anderem mit Deutschland anstreben.

Verwendete Quellen