Das grenzwertige Geschäft mit der 24-Stunden-Pflege

Versprechen am Sterbebett des Vaters hält man. Auch, wenn die eigenen Grenzen überschritten werden. Davon ist Therese Ruoff überzeugt. Ihres lautete: „Mama darf daheimbleiben, auch wenn du nicht mehr bist.“ Nach dem Tod ihres Vaters sorgte sie täglich dafür, dass ihre 78-jährige Mutter versorgt war, aß, trank, sich wusch. Über Monate hinweg nach Feierabend und gegen die Proteste ihrer Mutter fuhr sie zu ihr. Bis auch Ruoff zu erschöpfen drohte. Schon die letzte Lebensphase ihres Vaters war kräftezehrend, mit dessen Tod habe ihre Mutter rapide abgebaut.

Die Anzeichen ihrer Demenz wurden unübersehbar. Elfride Stolz wollte dem Postboten 100 Euro Trinkgeld geben, versteckte das Mittagessen im Bett, wehrte sich wütend gegen das Baden und machte sich schließlich im Schlafanzug auf ins nächtliche Iznang, ihrem Heimatort auf der Bodensee-Halbinsel Höri. „Die Sorgen haben mich innerlich zerrissen“, sagt Ruoff heute.

Eltern wünschen sich „eine Polin“

Inzwischen lebt Elfride Stolz in einer stationären Einrichtung am Bodensee, wo sie tatsächlich rund um die Uhr gepflegt wird. Das täuscht auch der Begriff „24-Stunden-Pflege“ vor, die Ruoff zwischen März 2018 und Februar 2021 nutzte. Es waren drei Jahre, in denen sie erfahren musste, wie Frauen systematisch ausgebeutet werden.

Das grenzwertige Geschäft mit der 24-Stunden-Pflege

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Therese Ruoff lebt am Bodensee. Zur Betreuung ihrer pflegebedürftigen Mutter nutzte sie wie Hunderttausende andere in Deutschland eine sogenannte „24-Stunden-Betreuung“.
Foto: Benjamin Brumm

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Therese Ruoff lebt am Bodensee. Zur Betreuung ihrer pflegebedürftigen Mutter nutzte sie wie Hunderttausende andere in Deutschland eine sogenannte „24-Stunden-Betreuung“.
Foto: Benjamin Brumm

Ihre Eltern hatten sich, sagt Ruoff, im Fall der Fälle „halt eine Polin“ gewünscht. Der Satz ist nicht abwertend gemeint. Er ist eine Chiffre für ein gängiges Modell der häuslichen Pflege und die dahinterstehende Angst: im hohen Alter die eigene Wohnung verlassen zu müssen, aus der vertrauten Umgebung gerissen zu werden, Normalität zu verlieren.

Therese Ruoff tat, was man auf dem Dorf macht: Sie hörte sich bei Bekannten und Nachbarn um, mit ernüchternder Erkenntnis. „Wir hörten viel von Schwarzarbeit, was wir aber nicht wollten.“ Der legale Weg führte sie stattdessen in einen Pflegestützpunkt für eine neutrale Beratung. Das Angebot richtet sich an Pflegebedürftige und deren Angehörige. Eine Betreuungskraft für zu Hause empfahl man ihr dort nicht. Dennoch entdeckte sie den Flyer einer Vermittlungsagentur im Wartebereich. Deren Mitarbeiter leiteten sie aus Kapazitätsgründen weiter an eine weitere Agentur: Senior@Home24.

Arbeitsteilung zwischen deutscher und polnischer Firma

Senior@Home24 meldete sich rasch mit einem Angebot. Um die 2000 Euro pauschal im Monat, keine Vermittlungsgebühr, keine versteckten Kosten: eher die Seltenheit in dieser Branche. Andere Anbieter verlangen jährlich noch Hunderte Euro Vermittlungspauschalen und lassen sich jede An- und Abreise der Betreuungskräfte erstatten. Typischerweise wechseln sie im Rhythmus von zwei bis drei Monaten zwischen ihrem Heimatland und Deutschland. „Ich wurde endlich ruhiger und erwartete, wieder ein eigenes Leben zu haben“, erinnert sich Ruoff.

Der eigentliche Vertrag kam aus Polen, von einer Firma namens „Centrum Językowe Konik“ – dem Namen nach ein „Sprachzentrum“ in Głogów, etwa 100 Kilometer hinter der deutsch-polnischen Grenze. Inhaberin: Magdalena K. Diese Aufteilung ist üblich: Die deutsche Agentur vermittelt und ist der Ansprechpartner für alle Fragen und Probleme; der Dienstleistungsvertrag läuft zwischen der polnischen Firma und der deutschen Familie. In einer Anlage steht, was die Betreuerin leisten soll: „24-Stunden-Bereitschaft zur Hilfe und Betreuung.“ Also das, was arbeitsrechtlich niemand leisten darf. Ruoff fiel das damals nicht auf. „Ich war einfach erleichtert, dass es schnell losging.“

Natalia aus Polen hat mehrere Jahre Elfride Stolz als sogenannte 24-Stunden-Betreuerin in deren Wohnung unterstützt.

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Natalia aus Polen hat mehrere Jahre Elfride Stolz als sogenannte 24-Stunden-Betreuerin in deren Wohnung unterstützt.
Foto: privat

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Natalia aus Polen hat mehrere Jahre Elfride Stolz als sogenannte 24-Stunden-Betreuerin in deren Wohnung unterstützt.
Foto: privat

Ruoff und ihre Familie richteten das vorgeschriebene eigene Zimmer für die Betreuerin ein. Natalia (Name von der Redaktion geändert) kam und wurde zum selbstverständlichen Teil der Familie. Das Vertrauensverhältnis führte schließlich zum Schock. Denn Ruoff wird klar, was ihr die polnischen Betreuerinnen berichten: dass sie deutlich weniger als die Hälfte dessen erhalten, was die Familie monatlich an deren Agentur bezahlt; dass Zuschläge und Prämien nie ankommen; dass die im EU-Ausland notwendigen A1-Bescheinigungen zur Sozialversicherung nicht vorliegen. „Wir wurden skeptisch, wem wir da eigentlich jeden Monat mehr als 2000 Euro überweisen“, sagt Ruoff. Eine A1-Bescheinigung, die belegt, dass die Betreuerin in ihrem Heimatland sozialversichert ist, bekam die Familie ebenfalls nicht. Wird nachgereicht, hieß es lapidar. Ohne dieses Dokument steht die Familie, die den legalen Weg gehen wollte, selbst mit einem Bein in der Schwarzarbeit. Irgendwann kündigt sie den Vertrag. Eine Ausnahme sind ihre Erlebnisse nicht. Denn je größer der Bedarf an Pflege ist, desto mehr Menschen landen irgendwann bei der sogenannten 24-Stunden-Pflege durch osteuropäische Kräfte.

Verband kritisiert das Geschäftsmodell mit 24-Stunden-Pflege

Frederic Seebohm ist Geschäftsführer des Bundesverbands Häusliche Betreuung und Pflege (VHBP). Er übt vor allem Kritik am Gesetzgeber, der seit Jahren jede belastbare Regelung für dieses Geschäftsmodell verzögere. Bereits 2024 bestätigte ein gemeinsamer Bericht der Bundesministerien für Arbeit und Gesundheit sowie der Pflegebevollmächtigten den Befund: intransparente Verträge, überschrittene Arbeits- und Ruhezeiten, häufige Scheinselbstständigkeit, kaum mögliche Kontrollen. Selbst die Vermittlung über eine in Deutschland ansässige Agentur ist laut des Berichts „kein Garant für ein rechtssicheres Modell“.

Je nach Datengrundlage geht man von 200.000 bis 600.000 Betreuungskräften aus, die in deutschen Haushalten arbeiten, zum großen Teil Frauen aus Osteuropa. Belastbare Zahlen gibt es nicht, die Dunkelziffer ist enorm. Der Begriff „24-Stunden-Pflege“ provoziert Missverständnisse. Erstens wegen eines unerfüllbaren Anspruchs auf Arbeit rund um die Uhr. Zweitens kann und darf der Großteil der Kräfte nicht pflegen, sondern nur im Haushalt helfen: beim Kochen, An- und Ausziehen, Waschen. In der Praxis aber verschwimmt die Grenze. Zwischen seriösen Agenturen, grauen und schwarzen Schafen zu unterscheiden, ist kaum möglich.

System produziert viele Verlierer

Der Bauplan ist simpel. Die deutsche Agentur vermittelt, der eigentliche Dienstleistungsvertrag läuft zwischen einer meist polnischen Firma und der deutschen Familie. Die Betreuungskraft wiederum schließt eine „Umowa zlecenia“ ab, einen zivilrechtlichen polnischen Auftragsvertrag. Sie ist damit freie Dienstleisterin ohne Kündigungsschutz, bezahlten Urlaub oder finanzielle Sicherheit im Krankheitsfall.

Wie fragwürdig manche Unternehmen arbeiten, dokumentierte 2023 bereits eine Reportage des Magazins RTL Extra: In einem Haus in Polen, ausgestattet mit Stockbetten, warteten aus der Ukraine geflüchtete Frauen auf ihre Vermittlung nach Deutschland, ohne Ausbildung und Sprachkenntnisse, dafür mit gefälschten Schulungszertifikaten. Die Hinterleute wissen: Die Nachfrage ist so hoch, es wird fast jede Kraft dankbar aufgenommen.

Karin Schwiter, Wirtschaftsgeografin an der Universität Zürich, beobachtet die Betreuungsarbeit seit mehr als einem Jahrzehnt. „Das System hat viele Verlierer: sowohl die zu Pflegenden als auch die Betreuerinnen“, sagt sie. Es sei nur deshalb gewachsen, weil staatlich finanzierte Alternativen fehlten. Die Last bleibt bei jenen, die das System am wenigsten verändern können: den Familien in deutschen Wohnzimmern und Hunderttausenden Frauen, die dort leben und arbeiten.

Deutliche Kritik einer Pflegekraft aus Ungarn

Eine von ihnen ist Eva Székely. Die 53-jährige Ungarin arbeitet seit sechs Jahren in deutschen und österreichischen Haushalten. Sie sagt: „Eine Pflegerin, die behauptet, sie liebt diese Arbeit, lügt.“ Székely kam Anfang 2020 nach Deutschland. Um ihre Motivation macht sie kein Geheimnis: „Ich verdiente ein Vielfaches meines Gehalts.“ Es gebe keine anderen Argumente. Sie war alleinerziehend, ihre Tochter gerade volljährig. Als ausgebildete Sozialbetreuerin, Pflegerin und medizinische Masseurin in Ungarn ging ihr während der Pandemie-Beschränkungen das Geld aus. Seither habe sie oft darüber nachgedacht, der 24-Stunden-Betreuung den Rücken zu kehren. Sie hat sich weitergebildet und versucht, ihr Deutsch zu verbessern. Die Sprache falle ihr aber noch immer schwer, sagt sie, und mit nun 53 Jahren habe sie wenig Chancen auf eine Vermittlung in neue Jobs.

Eva Székely kommt aus Ungarn und arbeitet seit mehreren Jahren als sogenannte 24-Stunden-Betreuerin im Haushalt von Pflegebedürftigen.

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Eva Székely kommt aus Ungarn und arbeitet seit mehreren Jahren als sogenannte 24-Stunden-Betreuerin im Haushalt von Pflegebedürftigen.
Foto: privat

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Eva Székely kommt aus Ungarn und arbeitet seit mehreren Jahren als sogenannte 24-Stunden-Betreuerin im Haushalt von Pflegebedürftigen.
Foto: privat

Einmal pflegte sie einen demenzkranken Mann, einen Hünen, der allein am Waldrand lebte. Er habe mit dem Gehstock auf ihr T-Shirt gezeigt, auf ihre Brust, dabei gelacht. Nachts habe er an ihre Zimmertür geklopft, er wolle in ihrem Bett schlafen. Sie habe gelernt, sich selbst zu helfen, den Mann resolut zurückgeschickt. „Niemand konnte oder wollte mich schützen“, erinnert sich Székely an Beschwerden bei Agenturen und deren Koordinatoren. Die Pflegekraft, die sie ablöste, habe anschließend dasselbe berichtet.

Laut Székely sind solche Situationen keine Ausnahme. „Viele sehen uns als Sklaven oder Dienstboten.“ Die Liste der aufgetragenen Aufgaben war lang: Rasen mähen, Vorhänge waschen, Haustiere füttern und Holz schleppen. Einmal habe eine 80-jährige Dame sie von früh bis spät schikaniert. Tiefpunkt für Székely: die ständige Eifersucht, Vorwürfe, sie mache dem 83-jährigen Mann der Dame schöne Augen. Immer wieder würden die ihr zustehenden freien Tage übergangen oder sie arbeitete trotz Krankheit.

Ohne Helferinnen würde alles zusammenbrechen

Die Branche sei geprägt von Frauen aus dem ländlichen Osteuropa, die selten eine fachliche Ausbildung durchliefen und mit der Arbeit in Deutschland einen Weg aus schlechten Verhältnissen verbänden. Darum herrsche bei den deutschen Familien die Einstellung vor: Die Pflegekraft solle froh sein, dass sie hier arbeiten darf.

Und welches Resümee zieht Therese Ruoff, die Frau, die ihre Mutter pflegen ließ? Trotz aller negativen Erfahrungen empfanden sie und ihre Familie das System nicht als durchweg schlecht. Wäre da nicht das beständige Gefühl, hier bereicherten sich Geschäftsleute auf Kosten der Betreuerinnen. Die Zeit wollen Therese Ruoff und ihre Mutter nicht missen. Ein Wechsel zu einer anderen Agentur war noch geplant, ehe Elfride Stolz‘ Gesundheitszustand eine stationäre Pflege verlangte. Nach drei Jahren in diesem System lautet Ruoffs Urteil: Es sollte das eigentlich nicht geben. „Aber wo wären wir erst, wenn es das nicht mehr gäbe? Dann würde alles zusammenbrechen.“