100.000 Euro brutto gelten als Reichtum – und Deutschland wundert sich über Abwanderung

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100.000 Euro brutto klingen nach Wohlstand. Doch nach Steuern und Abgaben bleibt vielen Gutverdienern weniger, als die Politik oft suggeriert – mit Folgen. Ein Kommentar.

Düsseldorf – 100.000 Euro Bruttojahresgehalt klingen in der politischen Debatte schnell nach Reichtum. In der Lebenswirklichkeit vieler Angestellter ist es etwas anderes: ein gutes Einkommen, ja – aber kein Leben im Überfluss. Das zeigt sich besonders deutlich am Beispiel eines Singles in Steuerklasse I: Nach Steuern und Sozialabgaben bleibt deutlich weniger übrig, als die Bruttozahl suggeriert.

Ein Arbeitnehmer mit 100.000 Euro Jahresbrutto kommt – je nach Krankenkasse, Bundesland und individuellen Faktoren – auf ein monatliches Netto von etwa 4.800 Euro. Zuvor gehen jeden Monat grob 2.000 Euro für Lohnsteuer und Solidaritätszuschlag ab, dazu mehrere Hundert Euro für Renten-, Arbeitslosen-, Kranken- und Pflegeversicherung. Allein die Arbeitnehmerbeiträge zur Sozialversicherung summieren sich in diesem Beispielfall – abhängig von Krankenkasse und Pflegebeitrag – auf rund 1.500 Euro im Monat.

Lars Klingbeil will kleine und mittlere Einkommen entlasten – doch bei Gutverdienern droht die nächste Belastungsdebatte.Lars Klingbeil will kleine und mittlere Einkommen entlasten – doch bei Gutverdienern droht die nächste Belastungsdebatte. © picture alliance/dpa | Benjamin Westhoff (Montage)

So viel Netto bleibt von 100.000 Euro Gehalt übrig

Das ist kein Randproblem. Es betrifft genau jene Gruppe, die den Sozialstaat in erheblichem Maße mitfinanziert: gut ausgebildete Fachkräfte, Ingenieure, Ärztinnen, IT-Spezialisten, leitende Angestellte, Selbständige mit vergleichbaren Einkommen. Menschen also, die oft lange ausgebildet wurden, hohe Verantwortung tragen und bereits heute einen überproportionalen Beitrag zum Steueraufkommen leisten.

Vor diesem Hintergrund wirkt es befremdlich, wenn Lars Klingbeil den Eindruck erweckt, bei sechsstelligen Einkommen beginne ein fast unerschöpfliches Reservoir für zusätzliche Belastungen. 100.000 Euro brutto sind zweifellos ein gutes Einkommen. Aber sie sind kein Freifahrtschein für die Behauptung, hier sei politisch noch beliebig viel zu holen. Wer so viel verdient, zahlt schon heute Spitzensteuersatz, hohe Sozialbeiträge und trägt zusätzlich über Konsumsteuern, Energieabgaben und indirekte Belastungen zum Staatshaushalt bei.

Lars Klingbeils Steuerpläne belasten die Falschen

Natürlich braucht ein solidarischer Staat Einnahmen. Natürlich müssen starke Schultern mehr tragen als schwache. Aber eine Politik, die fast jede Finanzierungsfrage mit dem reflexhaften Griff zu höheren Abgaben auf Gutverdiener beantwortet, übersieht ein zentrales Problem: Leistung muss sich noch lohnen. Nicht nur rhetorisch, sondern auf dem Konto.

Deutschland steht im Wettbewerb um Fachkräfte, Kapital und Gründer. Zugleich verlassen jedes Jahr Hunderttausende Menschen das Land; allein 2024 wanderten rund 270.000 deutsche Staatsangehörige aus. Nicht alle gehen wegen Steuern. Aber hohe Abgaben, Bürokratie, teurer Wohnraum und das Gefühl, dass Mehrarbeit vor allem den Staat freut, sind reale Standortfaktoren. Wer diese Signale ignoriert, riskiert, dass aus Frust Abwanderung wird – oder innere Kündigung.

Warum Leistung sich in Deutschland wieder lohnen muss

Die eigentliche Reformfrage lautet daher nicht, wie man die nächste Gruppe identifiziert, die noch etwas stärker belastet werden kann. Sie lautet: Wie senken wir die Abgabenlast auf Arbeit, ohne den Sozialstaat zu zerstören? Dazu gehören Prioritäten im Haushalt, effizientere Verwaltung, eine ehrliche Debatte über Sozialausgaben und ein Steuersystem, das Leistung nicht bestraft.

Klingbeil hat recht, wenn er kleine und mittlere Einkommen entlasten will. Aber diese Entlastung darf nicht schon wieder dadurch erkauft werden, dass man die nächste Leistungsträgergruppe zur Kasse bittet. Deutschland braucht keine weitere Umverteilungsrunde gegen Gutverdiener. Deutschland braucht eine breite Entlastung von Arbeit.

Wer Menschen im Land halten will, muss ihnen zeigen: Anstrengung lohnt sich. Genau dieses Versprechen ist in Deutschland zu oft nur noch brutto wahr. (Verwendete Quellen: Bundesministerium der Finanzen: Datensammlung zur Steuerpolitik 2024, Bundesgesundheitsministerium/gesetzliche Krankenversicherung 2026, BAMF: Migrationsbericht 2024, Deutschlandfunk)