
Bilanz
Die Finals 2026 mit ihren 143 Entscheidungen waren aus Sicht der Veranstalter und Sportler ein großer Erfolg – und haben fast eine halbe Million Zuschauer vor Ort begeistert. Schon 2030 könnte es eine Wiederholung geben.
Sie freuten sich ausgelassen über jeden einzelnen Punkt. Lukas Pfretzschner, Paul Henning, Niklas Held und Luis Kubo pushten sich, soweit es ging. Die vier Beachvolleyballer vom Eintracht Spontent spielten gerade ihr erstes Match im neuen Vier-gegen-Vier-Modus gegen die Hauptstadt Beacher. Die Spieler genossen das ungewohnte Chaos auf dem Court sichtlich – und die Fans in der ausverkauften Arena bedankten sich mit bester Stimmung.
„Das war so geil“, sagte Kubo nach dem 21:15-Sieg im Golden Set und sein Stammpartner Held fügte hinzu: „Das ist ein derbes Format. Das können wir gern häufiger machen.“ Das Quartett hatte das Vier-gegen-Vier nicht trainiert, wegen der anstehenden Olympia-Quali waren die Finals eher Vorbereitung als Höhepunkt für das Nationalduo Pfretzschner/Henning. Aber auch Pfretzschner betonte: „Es war eine sehr schöne Abwechslung und hat unglaublich viel Spaß gemacht.“
Stadt und Wettkampfstätten gerappelt voll – und friedlich
Damit spricht der Beachvolleyballer des Jahres 2025 wohl den meisten Athleten und zehntausenden Zuschauern aus der Seele. Die Finals haben Hannover für vier Tage zur deutschen Sporthauptstadt gemacht, auch weil die Menschen zu den Wettkampfstätten strömten. 480.000 Zuschauer sind es laut den Organisatoren insgesamt gewesen. Mehr als die Hälfte davon seien nicht aus Hannover gewesen. Täglich mussten die Arenen immer wieder wegen Überfüllung geschlossen werden. Das Interesse übertraf die Vorstellungen der Veranstalter bei Weitem.
Zu viele Zuschauer sind ein wunderbares Problem.
Präsident Alfons Hölzl vom Deutschen Turner-Bund
Das Herz der Spiele schlug am Opernplatz, wo neben der Beachvolleyball-Arena mit seinen 1.100 Plätzen auch die Stabhochsprunganlage und die Kletterwände standen. Auf dem ganzen Areal verfolgten zeitweise 8.000 bis 9.000 Menschen die Wettkämpfe – und sei es auf den großen Videowänden. Finals-Geschäftsführer Hagen Boßdorf sprach insgesamt von „Rekordwerten“ und freute sich, „dass wir das Interesse getroffen und die Menschen eine gute Zeit gehabt haben“.
Und auch weil die Veranstalter über die Sozialen Medien und ihre App stets mitteilten, wenn die Wettkampfstätten gerade nicht betretbar waren, blieb die Stimmung auch bei den Wartenden besten. Nach Sportschau-Informationen vom Sonntagnachmittag musste bei den gesamten Finals nicht ein einziges Mal der Sicherheitsdienst eingreifen. Und auch sonst hat es kaum Vorfälle gegeben. Laut den Organisatoren hätten von 120 Anfragen beim Sanitätsdienst nur drei Rettungswagen-Einsätze zur Folge gehabt. Und einer davon betraf einen verletzten Flag-Football-Spieler.
Hannovers OB: „Tolle Finals“ und „großes Sommermärchen“
„Die Finals bringen Hannover zurück auf die Sport-Landkarte. Wir können solche Sportveranstaltungen ausrichten, wir können das leisten“, freute sich Oberbürgermeister Belit Onay, dem die Spiele sicher viel zusätzliche Aufmerksamkeit mit Blick auf die Kommunalwahl im Herbst beschert haben. „Im nächsten Jahr finden hier ja auch Spiele der Handball-WM statt, 2028 ist es die Frauenfußball-EM. Hannover ist eine Veranstaltungsstadt.“
75 Prozent der Hannoveraner und Hannoveranerinnen haben ein Gefühl von Stolz, dass die Stadt solche Finals ausgerichtet hat. Und sie müssen wissen: Als Norddeutsche sind wir da am Siedepunkt der Gefühle.
Hannovers Oberbürgermeister Belit Onay
Onay freute sich über „tolle Finals“ und ein „großes Sommermärchen“. Sein Dank ging an die Athletinnen und Athleten: „Ihr habt die Stadt verzaubert.“ Als Beispiel nannte er das Bogenschießen: „Da wurde so gejubelt wie in Hannover sonst nur bei einem Tor von 96.“
Neue Formate begeistern Aktive und Fans
Die Finals hatten einige Sportstars zu bieten. So zum Beispiel Olympia-Sieger wie Schwimmer Lukas Märtens, Triathletin Laura Lindemann oder die Rhythmische Sportgymnastin Darja Varfolomeev, die alle begeisternde Siege feierten. Dazu Welt- und Europameister. Mit 24 Sportarten waren es insgesamt so viele wie nie zuvor. Und es gab neue Formate.
Das Vier-gegen-Vier hat auf jeden Fall für zusätzliche Spannung und Würze gesorgt. Und man hat gemerkt, dass die Zuschauer immer auf einen Entscheidungssatz gehofft haben.
ARD-Beachvolleyball-Expertin Laura Ludwig
Nicht nur beim Beachvolleyball, sondern beispielsweise auch beim Rudern und dem Kanu. Die verkürzten Strecken auf dem Maschsee boten fast Sport zum Anfassen. Bei den Ruderwettbewerben am Westufer rauschten die Achter wenige Meter an den Zuschauern, die teilweise in Liegestühlen saßen, am Ufer vorbei.
Max Lemke und Paulian Paszek
Noch dichter war es bei den Kanutinnen und Kanuten, die im Parallelsprint direkt vor der Promenade des Maschseefestes vorbeifuhren. Kanutin Frauke Hundeling hielt nach dem Wettkampf nicht von ungefähr ein Plakat hoch, um Hannover zu danken. Paulina Paszek, wie Hundeling Hannoveranerin, sagte: „Ich bin seit 18 Jahren Kanutin und habe noch nie so eine tolle Stimmung erlebt. Ich hatte Gänsehaut.“
Siegerin Seidel: „Ich stehe, so schlimm kann es nicht sein“
Im wahrsten Sinne des Wortes gewöhnungsbedürftig waren die neuen Schwimmwettbewerbe. Bei den Sprint-Eliminationsrennen ging es für die Athletinnen und Athleten richtig ans Eingemachte. „Ich stehe noch hier. So schlimm kann es also noch nicht sein“, sagte Finalssiegerin Lise Seidel lachend nach dreimal 50 Meter Rücken innerhalb kürzester Zeit, berichtete aber von ganz schweren Beinen.
Die Sprintrennen begeisterten die Zuschauer hörbar. Schwieriger zu verfolgen waren da schon die Lagenmeisterschaften über 100 und 200 Meter sowie 400 und 800 Meter. Die Zeiten der Schwimmerinnen und Schwimmer wurden jeweils in Punkte umgerechnet und am Ende addiert. Wohl auch für den einen oder die andere Aktive zu viel, die nur über eine Strecke antraten.
DOSB-Präsident Weikert lobt und hofft
Unter den aufmerksamen Zuschauern der Finals war auch Thomas Weikert. Die Sportschau traf den DOSB-Präsidenten im historischen Hodlersaal des Neuen Rathauses. Dort wurde nach dem Zweiten Weltkrieg einst der Deutsche Sportbund, einer der Vorläufer des Deutschen Olympischen Sportbundes, gegründet.
„Es ist mit einem Wort: super. Wir sehen überall volle Stadien und volle Straßen. Es sind ein bisschen Olympische und Paralympische Spiele“, lobte der hochrangige Sportfunktionär. „Wir bewerben uns ja für dieses ‚kleine Event‘. Dafür kämpfen wir mit Haut und Haaren. Die Spiele würden Deutschland einen großen Schub geben – für die Infrastruktur, Gelder würden freigegeben.“
Deutschland soll international wieder unter die Top Fünf
Dies sei auch für den künftigen sportlichen Erfolg enorm wichtig. Trainer müssten besser bezahlt und die Sportstätten erneuert werden. „Da muss die Politik Geld in die Hand nehmen.“ Das neue Sportfördergesetz und die geplante Agentur, um die Fördergelder gebündelt und zielgerichtet zu verteilen, begrüßt Weikert ausdrücklich. Die Spiele in Los Angeles kämen wohl noch zu früh. Aber 2032 in Brisbane oder danach – am liebsten in Deutschland – soll Deutschland wieder unter die Top Fünf der Welt zurückkehren. Für Weikert wäre das „ein großer Wurf“.
Weikert weiter: „Beim Sport begeistern sich alle. Hier wird nicht gemosert. Alle erfreuen sich an den Leistungen der Athletinnen und Athleten. Sport bringt eine positive Wirkung – auch im Ausland. Die Finals werden auch im Ausland wahrgenommen. Und wir tun auch viel dafür.“ Deutschland könne Großveranstaltungen nicht nur sehr gut organisieren. „Es ist sind auch immer viele Zuschauer da. Und darauf sind wir stolz.“
Nachholbedarf bei den Para-Sportarten
Der DOSB hatte am Freitag in Hannover seine Präsidiumssitzung abgehalten und sich dann auch bei den Wettkampfstätten umgesehen. Mareike Miller, Gesamt-Athletensprecherin des Deutschen Behinderten-Sportverbandes und Mitglied des DOSB-Präsidiums, vermisste allerdings mehr Para-Sportarten.
Mit dem Para-Kanu- und dem -Rudersport präsentierten sich gerade einmal zwei Para-Sportarten eigenständig. Beim Bogenschießen waren zwei Para-Athletinnen im normalen Feld dabei. Zudem schwamm Paralympics-Sieger Taliso Engel bei den Eliminations-Brustrennen mit, schied aber in der zweiten Runde aus.
Da könnte man auf jeden Fall noch mehr machen. Davon würden alle profitieren. Es muss einfach normal werden, dass der Parasport gleich mitgedacht wird.
Paralympics-Siegerin Mareike Miller
Rollstuhlbasketball-Nationalspielerin Miller weiß aber auch um die komplizierten Verbandsstrukturen. Denn während Para-Rudern und -Kanu in den großen Verbänden mit dabei ist, haben die meisten anderen Sportarten eigene Verbände. Das erschwert die Kommunikation.
Die für alle zugänglichen Wettkampfstätten hätten vielen Sportarten ein „neues Publikum“ beschert. Nur zu gern hätte sie gesehen, dass auch der Para-Sport profitiert: „Das hätte sicher bei manchem noch mal den Horizont erweitert. Para-Sport ist kein Reha-Sport, sondern im Bereich der Paralympics richtiger Leistungssport.“
Nach den Finals ist vor den Finals – und vor den European Championships?
Im September wird sich der DOSB auf einen Bewerber für die Olympischen und Paralympischen Spiele festlegen. Weikert nannte die Finals „eine gute Heranführung“. Für Hannover soll die Veranstaltung laut Oberbürgermeister Onay „eine Blaupause“ werden für das, was da noch kommen könnte.
Hannovers Oberbürgermeister Belit Onay
Aus der Bewerbung um die World Games 2029, bei denen Weltmeister in verschiedenen nicht-olympischen Sportarten gesucht werden, ist nichts geworden. Onay sprach von einem „unangenehmen Ergebnis“ und „riesiger Enttäuschung“. Zumal er eine „krasse Intransparenz“ bei der Entscheidungsfindung des DOSB pro Karlsruhe sah.
Der Blick ist aber längst nach vorne gerichtet. Die Bewerbung stellte überhaupt erst den Kontakt zu den Finals her. Eine weitere kündigte Onay für 2030 oder 2031 an. Und bald könnten auch die European Championships folgen. Onay bestätigte im Gespräch mit der Sportschau, dass es bereits Gespräche gegeben habe. „Das ist ein tolles Format – und hoch professionell.“


